Timisoara (Temeswar)


LloydDie Temeswarer waren immer schon ein bisschen schneller: 1889 war die charmante Banater Stadt die erste in Europa, die ihre Straßen mit elektrischem Licht beleuchtete. Genau 100 Jahre später wurde Temeswar zur Wiege der rumänischen Revolution von 1989: Als der regimekritische Pfarrer Lazslo Tökes in ein Bergdorf verbannt werden sollte, besetzten die Bürger Tag und Nacht den wichtigsten Platz der Stadt, wagten es, vom Balkon der Oper aus Forderungen an den Bukarester Diktator zu richten. Der reagierte: Panzer rollten durch das Zentrum, Telefonleitungen wurden gekappt, der Geheimdienst Securitate schoss auf Demonstranten. Hunderte starben – aber nicht vergeblich. Die Menschen in den Großbetrieben streikten, schlossen sich den Demonstranten an, und die Armee wechselte die Seiten. Der Funke der Revolution sprang aufs ganze Land über.  

 

Wenn man heute durch das Zentrum schlendert, kann man sich kaum mehr vorstellen, dass das Blutbad erst wenige Jahre her ist. Die stattlichen Wohnhäuser aus der Habsburger Zeit und der barocke Marktplatz gaben der Stadt, die ab 1718 zwei Jahrhunderte lang zu Österreich-Ungarn gehörte, zu Recht den Namen „Klein-Wien“.

 

Inzwischen haben sich viele ausländische Firmen (Continental, Linde, Procter&Gamble, Nestlé) in der Universitätsstadt niedergelassen, so dass Johnny Weissmüller, Hollywoods Original-Tarzan und gebürtiger Temeswarer, längst nicht mehr der einzige Export der Stadt ist!

 

 

Sightseeing:

 

Lloyd-Zeile (Piata Victoriei):

Es ist die zentrale, autofreie Flaniermeile der Stadt. Zwischen orthodoxer Kathedrale am einen Ende und dem schneeweißen Opernhaus (das auch deutschsprachige Aufführungen hat) am anderen Ende reihen sich altehrwürdige Wohnhäuser aneinander: ein architektonisches Kleinod mit wunderschöner Wiener Sezession und rumänischem Neo-Brancoveanu-Stil. Gepflegtes Grün, Bänke, Brunnen und Cafés verleihen der Fußgängerzone zusätzlich Flair.

 

Rumänisch-Orthodoxe Kathedrale (Catedrala Ortodoxa):

Eine sehr schöne Kirche mit byzantinischen Anklängen, ein großes, warm wirkendes Gotteshaus am Anfang der Lloyd-Zeile, 1936 bis 1946 erbaut. Gänsehaut habe ich jedoch vor der Kathedrale bekommen: Am Eingang sind Gedenktafeln mit Namen und Fotos angebracht. Sie erinnern  an die Opfer  der Revolution – viele von ihnen starben genau an dieser Stelle im Kugelhagel der Securitate. Vor der Kathedrale erinnert eine kleine Gedenkstätte an die Toten von Temeswar.

 

Piata Unirii:

Dieser Platz wird auch Klein-Wien genannt – zu Recht. Prächtiger Wiener Barock in Hülle und Fülle! Von den unzähligen Caféterrassen, die den Platz säumen, hat man einen perfekten Rundblick auf den römisch-katholischen Dom (1736-1754) mit der spätbarocken Front und den zwei Türmen, einem Werk des berühmten Wiener Architekten Emanuel Fischer von Erlach; auf die Pestsäule aus dem 18. Jh.; auf das Kunstmuseum, und auf die serbisch-orthodoxe Kathedrale. Abends, wenn der Platz in gelbliches, stimmungsvolles Scheinwerferlicht getaucht ist, trifft sich hier die Jugend der Stadt. Ich nippe an einem lauen Sommerabend an meinem Wein, betrachte die schicken Frauen, höre Lachen und das Dauergebimmel der hypermodernen Handys, gegen die mein alter Handyknochen eine Antiquität ist. Und erinnere mich an die Zeit, als ich mit meinen Eltern Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre in die große Stadt zum Einkaufen ins Kaufhaus mit der Rolltreppe (!) kam. Hier gab es Käse, eine Sorte, und Salami, auch eine Sorte. Bei uns gab es das nicht, bzw. nur unter der Ladentheke. Grau war die Stadt damals, die Stimmung wie überall in Rumänien bedrückend. Viel Armut gibt es immer noch, Korruption auch, und doch liegen Welten zwischen damals und heute.

 

Altes Rathaus:

Der barocke Bau auf der Piata Libertatii (nahe Piata Unirii) wurde 1734 auf den Grundmauern eines türkischen Bades errichtet, das im Türkenkrieg zerstört worden war. Es ist das älteste Gebäude der Stadt.

 

Revolutions-Museum (Muzeul Revolutiei):

Ausgestellt sind Fotos, Uniformen, Dokumente aus der 89er Revolution (Erklärungen auch englisch). Ein Film mit Originalaufnahmen von der Revolution dokumentiert sehr eindringlich die dramatischsten Stunden dieser Stadt (englisch vertont). Ein alter Museumswärter, den bei den Revolutionsschießereien im Zentrum ein Schuss ins Bein getroffen hat, freut sich, den Besuchern Erklärungen zu geben (englisch).

 

infoAdresse: Strada Emanuil Ungureanu 8 (hinter Piata Unirii), Nähe Oper.

 

 

Restaurant-Tipps:

Das traditionsreiche Restaurant Lloyd hat seinen Namen vom Lloyd-Palast, 1912 errichtet als Sitz der Handelsbörse mit einem Café im Erdgeschoss. Der berühmte „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch zählte zu den Kunden des Hauses. Bis heute sind Teile der Jugendstil-Einrichtung erhalten. Hohe lindgrüne Stuckdecken, alte Kandelaber, Spiegelsäulen – die stilvolle Inneneinrichtung hat schon etwas Patina angesetzt, atmet aber immer noch das Flair der guten alten Zeit. Schön sitzt man im Sommer auf der Terrasse – mit direktem Blick auf die Flaneure der Fußgängerzone. Rumänische und internationale Küche.

 

infoInfo: Piata Victoriei 2, www.lloyd.ro 

 

Casa cu Flori (Blumenhaus) heißt ein weiteres gutes, elegantes Restaurant in der Fußgängerzone. Schön sitzt man auch an den Tischen auf dem Balkon. Internationale und traditionelle Banater Küche.

 

infoInfo: Strada Alba Iulia Nr. 1, www.casacuflori.ro

 

Ausgehen: Gemütlich und stimmungsvoll noch einen Absacker trinken kann man abends an der Lloyd-Zeile zwischen Oper und Orthodoxer Kathedrale - die wunderbaren Hausfassaden, die Brunnen sind in gelbmildes Licht getaucht, man sinkt auf die Korbmöbel und genießt die lauen Sommernächte. Auch sehr schön: die Lokale an der barocken Piata Unirii (Platz der Einheit). Am Flussufer der Bega sind ebenfalls kleine Lokale (hinter der Orthodoxen Kathedrale Richtung Fluss gehen).