Delta Dunarii (Donaudelta)


 

Ewig könnte ich so weiterfahren. Ich schaue aufs Wasser, die Uferlandschaft zieht vorbei, Stunde um Stunde. Der Fahrtwind des kleinen Motorboots macht die sengende Sommerhitze erträglich. Die Sonne scheint auf Seerosenteppiche, Schilf schlägt mir ins Gesicht. Über schmalen Seitenkanälen schließen sich rauschende Baumkronen zum schattigen Blätterdach.

 

Libellen surren über die glänzende Wasseroberfläche, kleine Schildkröten sonnen sich auf Steinen, schlanke Silberreiher staksen anmutig am Ufer entlang, Kühe stehen bis zu den Knien im Wasser, Pferde mit ihren Fohlen grasen auf den Uferwiesen. Und immer wieder Vögel. Sie ziehen in Schwärmen über den wolkenlosen Himmel, sitzen wie hingemalt auf dicken Baumstumpfen, die aus dem Wasser ragen. Und in der Ferne zeigen sich sogar die scheuen Pelikane: „Da!“ ruft mein Bootsführer, ich zücke das Fernglas, und dann sehe ich sie, die mächtigen Vögel mit den imposanten Schnäbeln, wie sie lautlos über den Himmel gleiten. Den Himmel, über den allabendlich lodernde Flammen züngeln, die die stillen Seen und Kanäle in leuchtendes Orangerot tauchen.

Was macht es da schon, dass ich abends im Pensionszimmer meine sonnenverbrannten Oberschenkel mit Joghurt kühlen muss …

 

Nach seiner 2860 km langen Reise teilt sich die Donau in drei Hauptarme – Chilia, Sulina, Sf. Gheorghe – und bildet, bevor sie sich ins Schwarze Meer ergießt, ein weltweit einzigartiges Naturparadies: das 4178 Quadratkilometer große Donaudelta.

 

5000 Tierarten bevölkern das Biosphärenreservat Donaudelta, das zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt wurde. Unter den gut 320 Vogelarten sind viele geschützte: Kormoran, Silberreiher, Polartaucher, Seeadler, Löffler, Rothalsgans. Der König des Deltas ist jedoch der Pelikan. Die einzigartigen Pelikankolonien bieten dem Besucher, mit etwas Glück, ein spektakuläres Naturschauspiel: Im flachen Uferwasser formieren sich hunderte Pelikane zu einem Kreis, der wilde Tanz beginnt: Sie schlagen mit den Flügeln und trüben das Wasser mit den Füßen. Die aufgeschreckten Fische zischen an die Oberfläche, das Wasser brodelt, die Pelikane schnappen mit ihren mächtigen Schnäbeln nach den blitzenden Fischleibern. Die satten Vögel treten in die zweite Reihe, und lassen jene ran, die noch nicht zum Zuge kamen. Im Herbst sammeln sich die Pelikanschwärme für ihre weite Reise an den Nil, an den Persischen Golf und bis nach Indien. Im Frühjahr kehren sie zum Nisten ins Donaudelta zurück, wo sie bis Ende April zwei bis vier Eier legen, aus denen vier Wochen später nackte Vogelkinder schlüpfen. Ende Juli nehmen dann die flaumigen Jungpelikane am spektakulären Fischraubzug ihrer Eltern teil … Doch nicht nur die Pelikane, sondern Millionen Zugvögel finden sich im Herbst im Donaudelta ein, um von hier ihre lange Reise in den Süden anzutreten.

 

Zu den gut 50 Fischarten im Delta gehören der Kaviar spendende Stör, der Donauhering, Hecht, Wels, Zander, Karpfen, Barsch und Plattfisch. Sie locken Angler an die Seen und Kanäle und bereichern die Delta-Küche mit köstlichen Fischsuppen, exzellent zubereiteten Fischklößchen und gegrillten oder gebackenen Fischspezialitäten.

 

In der riesigen Arche Noah namens Donaudelta leben auch Seeotter, Füchse, Wildschweine, Wölfe, Wildkatzen, Iltisse, Hasen, Schafe, Esel, Libellen, Schmetterlinge, Schildkröten, Vipern und andere Schlangen.

 

Zur wildwuchernden, üppigen Flora mit 1200 Baum- und Pflanzenarten zählen die weiße und gelbe Seerose, Wasserfarn, Wasserminze, Silbertrauerweide, Pappel, Erle, Esche, Wasserraps und Sumpf-Wolfsmilch. Und vor allem: die größte Schilflandschaft der Welt, die sich auf 18 000 Hektar erstreckt! Schwer zu erreichen ist der Urwald von Letea mit seiner urwüchsigen Landschaft: von Lianen behangene Ureichen, Sanddünen, unzählige Vogelarten. Letea gilt als einer der ältesten Urwälder Osteuropas. 

Auch 98% der Wasserpflanzen Europas sind im Donaudelta anzutreffen.

 

Leider haben Menschen in dieser traumschönen Naturlandschaft ein paar Spuren hinterlassen: Nicht jeder hat offenbar mitbekommen, dass leere Plastikflaschen kein integraler Bestandteil der Natur sind ... 

 

Sightseeing:

 

Es gibt zwei Arten, die Schönheit des Donaudeltas zu erleben: per Schiff bzw. Hausboot, oder indem man sich in einer Pension einquartiert und von dort aus Bootsausflüge bucht, die viele Hotels und Pensionen anbieten. In jedem Fall fährt man bis zur (ausgesprochen scheußlichen) Hafenstadt Tulcea (z.B. bequeme Direktverbindung per Intercity von Bukarest). Viele Pensionen und Hotels holen ihre Gäste dann – gegen Bezahlung - von Tulcea mit dem Auto ab, so dass man dieses seelenlose, zubetonierte Provinzstädtchen schnell hinter sich lassen und das Delta genießen kann.

 

Zu empfehlen ist der Veranstalter Tioc Reisen (www.tioc-reisen.de): Tiberiu Tioc ist Diplom-Biologe, passionierter Ornithologe und spricht perfekt deutsch. In kleinen Gruppen führt er mehrmals jährlich interessierte Touristengruppen auf Hausboot-Rundreisen fachkundig durch den Dschungel der Delta-Kanäle. Großes Plus: Eine seiner Reisen führt auch zum Urwald Letea, was die wenigsten Anbieter im Programm haben, weil er schwer zu erreichen ist! Geschlafen wird auf dem Hausboot und/oder in Pensionen.