Sibiu (Hermannstadt)


Sterne funkeln am Nachthimmel, die Luft ist mild, und der Große Platz wogt vor Menschen: Die Schallwellen eines Open-Air-Opernabends fluten den weiten Marktplatz mit seinen wunderschönen Fassaden. Einheimische und Touristen aus aller Herren Länder, Junge und Alte, wiegen sich im Takt der Tenöre. Ich wippe mit und denke: So wie hier, so sollte Rumänien überall sein!

 

Patrizierhäuser in Sibiu

 

Bonbonbunte Patrizierhäuser, stimmungsvolle Innenhöfe, stolze Kirchtürme, Schatten werfende Torbogen, verwinkelte Gassen, rustikale Restaurants: Sibiu (Hermannstadt) ist die sicherlich schönste Stadt Rumäniens. Die Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2007 hat dem Schmuckstück Siebenbürgens neuen Glanz verliehen. Für das Großereignis hat sich die Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit gründlichen Sanierungsarbeiten herausgeputzt. 100 Millionen Euro hat die Schönheitsoperation gekostet – seitdem ist das mittelalterliche Gesicht der Stadt schöner denn je.

 

Um 1150 kamen die ersten deutschen Siedler in diese Gegend und gründeten die Stadt. Ihre Spuren blieben erhalten, obwohl heute nicht einmal mehr zwei Prozent der Einwohner Deutsche sind. Zweisprachige Schilder, das deutsche Bruckenthal-Gymnasium, der deutsche Bürgermeister Klaus Johannis, den die

rumänische Mehrheit gewählt hat, zeugen heute vom entspannten Multikulti à la roumaine. Fröhliche, entspannte Leichtigkeit schwingt mit in der Atmosphäre dieser gepflegten „alten deutschen Stadt“.

 

 

Sightseeing:

 

Ich logiere im altehrwürdigen Traditionshotel „Imparatul Romanilor“ (s. Hotels), gehe vor die Tür und stehe mitten in der Fußgängerzone (Strada Nicolae Balcescu). Ich trete durch Hausdurchgänge in sonnendurchflutete große Innenhöfe mit weißen Säulenumläufen, schmiedeeisernen Balkonen, Blumen - Fotomotive ohne Ende.

 

Grosser Platz (Piata Mare)
Grosser Platz (Piata Mare)
Die Fußgängerzone führt mich mitten ins Herz der Altstadt: zum Großen Platz (Piata Mare). Ich kann es kaum glauben: 2006 war der Platz noch eine triste Baustelle, und ich fragte mich, warum um alles in der Welt ausgerechnet Sibiu zur Europäischen Kulturhauptstadt gekürt wurde. Und vor allem, wie diese ganzen  bröckelnden Fassaden bis Januar 2007 fertig werden sollen. Jetzt bin ich sprachlos: Weitläufig, elegant empfängt mich dieses architektonisches Juwel. Schlanke Wasserfontänen spritzen direkt aus dem Bodenbelag, und lockern so die große Freifläche auf, um die sich wunderschöne klassizistische, barocke und Renaissance-Gebäude gruppieren. 

 

Den Platz beherrscht das repräsentative Rathaus mit seiner elegant geschwungenen  Fassade. Hier ist im Erdgeschoss auch die rührige Touristeninformation untergebracht. 

 

Daneben steht die barocke katholische Kirche (1726-38). Gegen das bedeutende Bruckenthal-Palais (Hausnummer 4, s. Museen) mit seiner grün-gelben Fassade leuchtet tapfer das Blau des Blauen Stadthauses (Nr. 5) an, ein städtisches Verwaltungsgebäude. Erwähnenswert auch das Haller-Haus (Nr. 10) - Bürgermeister Peter Haller baute es 1537 im Renaissancestil um. Sein Amtskollege Michael Lutsch bewohnte ab 1593 das farbenfrohe Haus mit der Nummer 13 (Lutsch-Haus). Von hier aus lohnt sich ein Abstecher in die stillen Seitenstraßen um den Großen Platz – der vielen kleinen Details an den bunten Häusern wegen: alte Löwenkopf-Türgriffe, Holztüren mit schönen Schnitzereien.

 

Zurück zum Großen Platz, geht es am Rathaus vorbei auf die Piata Huet (Huet-Markt), dominiert von der Evangelischen Stadtpfarrkirche: Das dreischiffige gotische Gotteshaus (1322-1520), nimmt fast den ganzen Platz ein. Vom Kirchturm aus blickt man über die Dächer der Stadt.

 

Gegenüber steht das altehrwürdige deutsche Bruckenthal-Gymnasium. Ich will einen kurzen Blick in die angeblich sehenswerte barocke Schulaula werfen, aber ein stiernackiger Wachmann versperrt mir streng den Eingang. 

 

Mein Ärger verfliegt, als ich von der Piata Huet auf den Kleinen Platz (Piata Mica) gelange. Bunte Häuser, Cafés, Restaurants, Läden. Vorsicht! Die kleine „Lügenbrücke“ mit dem schmiedeeisernen Geländer soll der Legende nach einstürzen, falls ein Lügner sie betritt. Offenbar leben hier die ehrlichsten Bürger der Welt, denn die Brücke führt seit 1859 über den Burggraben.

 

An der Brücke befindet sich auch die Casa Luxemburg (Hausnummer 16), ein auffälliger großer Bau mit barocker Fassade und rosafarbenem Anstrich. Seinen Namen hat das Gebäude aus dem 18. Jh., weil Luxemburg die Partnerstadt von Hermannstadt ist und die Sanierung des Gebäudes mitfinanziert hat. Zur Eröffnung kam 2004 Prinz Henri von Luxemburg. In der Casa Luxemburg sind eine einfache, ewig ausgebuchte Pension und eine gute Touristeninformation untergebracht. Von hier aus geht es auch in die stimmungsvolle Unterstadt mit ihren engen, kopfsteingepflasterten Altstadtgassen.

 

Zurück zum Großen Platz. Kaffeepause mit Rathausblick. Tauben gurren, die Sonne scheint, mein Blick wandert über grüne, blaue, rosa Stuckfassaden – wer hat noch mal behauptet, Rumänien sei ein Armenhaus?

 

Nach der Pause wartet noch ein Highlight: Vom Großen Platz geht es in die Strada Mitropoliei – zur Orthodoxen Kathedrale (Strada Mitropoliei Nr. 35). Das sehenswerte Gotteshaus wurde 1902-1906 nach dem Vorbild der Hagia Sophia in Istanbul errichtet. Vier Türme – zwei große, zwei kleine – und eine Kuppel ragen in den Himmel, zweifarbiger Klinker gliedert die Fassade. Den großen Innenraum schmücken byzantinische Malereien und die holzgeschnitzte, vergoldete Ikonostase.

 


Museen:

 

Bruckenthal-Museum: Das barocke Bruckenthal-Palais wurde 1778-1788 als Residenz des siebenbürgischen Gouverneurs und Kunstsammlers Baron Samuel von Bruckenthal (1721-1803) erbaut. In den Sälen befinden sich noch viele Original-Objekte: Rokoko-Öfen, rote Seidentapeten, Kandelaber aus Muranoglas, siebenbürgisches Mobiliar aus dem 18. Jh.

Das im Palais untergebrachte Museum ist das älteste Rumäniens und eines der ältesten in Europa: Die Kunstsammlung des Barons wurde 1817 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Unter den 900 000 Exponaten sind Werke von Rubens, Breughel, van Dyck und Lucas Cranach d.Ä., vor allem aber viele  rumänische Wald-und-Wiesen-Gemälde. Letztere sind sicher Geschmackssache…

 

infoInfo: www.bruckenthalmuseum.ro (auch deutsch)

 

Apotheken-Museum: Es ist in einem Baudenkmal von 1568 untergebracht. Die Sammlung mit historischen Apothekenschränken und -utensilien umfasst über 6000 Exponate (16.-19. Jh.) zur Geschichte und Technik der Pharmazeutik inklusive einer homöopathischen Abteilung. Ärgerlich: Die Erklärungen sind spärlich. Aber ein Rundgang lohnt dennoch, allein schon, weil man sich im ersten Raum plötzlich in einer komplett eingerichteten 100 Jahre alten Apotheke wiederfindet. Die Möbel wurden 1902 in Wien extra für diese Apotheke angefertigt, die damals unter dem Namen „Schwarzer Adler" betrieben wurde.

Adresse: Piata Mica 26.

 

Astra-Museum: Dieses Museum sollten Sie sich nicht entgehen lassen, die paar Kilometer Fahrt an den Stadtrand lohnen sich wirklich! Ein sehr idyllisches, hochinteressantes Freilichtmuseum mit schattigen Wäldern, sonnigen Rasenflächen, einem See und einem Bach. Zehn Kilometer Alleen durchziehen das 96 Hektar große, sehr gepflegte Gelände. Komplett eingerichtete Bauernhäuser aus allen Landesteilen, eine beeindruckend große Mühlensammlung mit allen bekannten Mühlentypen, Handwerk (Öl- und Weinherstellung, Weben, Flechten, Kürschnerei, Wachsverarbeitung etc.), Transportmittel (Floß, Kutsche etc.). Und zwischendurch kann man sich im  Gasthof mit den langen Holztischen auf der Wiese bei rumänischem Essen stärken.

 

Das Museum bietet auch Boots- und Kutschfahrten. Es sind auch jederzeit Besuche nach Sonnenuntergang im beleuchteten Museum möglich. Sogar preiswert übernachten kann man in allerdings sehr einfachen Häuschen auf dem Museumsgelände.

 

infoInfo: 4 km außerhalb der Stadt im Stadtwald Dumbrava

www.muzeulastra.ro  

 


Restaurant-Tipps:

 

 

Crama Sibiul VechiCrama Sibiul Vechi

Uriger, gemütlicher Gewölbekeller im Zentrum. Die freundlichen Kellner tragen rumänische Trachten, das typisch rumänische, deftige Essen schmeckt ausgezeichnet, dazu gibt es gute rumänische Weine. Am besten Tisch reservieren!

 

infoInfo: Strada A. Papiu Ilarian Nr. 3

www.sibiulvechi.ro

 

 

Pivnita de vinuri (Weinkeller)

Auf dem zweisprachigen Schild des rustikalen Altstadtlokals mit geklinkerten Wänden steht tatsächlich auch „Weinkeller“, denn der Manager ist ein Deutscher. Ausgeschenkt werden gute rumänische Weine in großer Auswahl, ergänzt von einigen internationalen Weinen. Dazu gibt es wechselnde Gerichte von einer kleinen Speisekarte.

 

infoInfo: Strada Turnului 2 (Nähe Piata Huet)

www.weinkeller.ro

 

Café Wien:

Recht neu hat am Huet-Platz das Café Wien eröffnet. Auf der Terrasse sitzt man schön direkt an der Stadtmauer, abends trinkt man seinen "Fiaker Kaffee" manchmal zu Live-Wiener-Walzer-Klängen. Auch innen ist das Café mit seinen Holzdielenböden und roten Sofas schön eingerichtet.

  

Weitere Restaurants und (Straßen-)Cafés gibt es am Großen und Kleinen Platz sowie in der Fußgängerzone.

 


Shopping:

 

Wer auf Shopping bis zum Umfallen aus ist, wird in Hermannstadt vielleicht enttäuscht sein – Sibiu ist nunmal nicht Dubai. Die Läden in der Fußgängerzone und auf den großen Plätzen sind keine Offenbarung. Empfehlen kann man zumindest Folgendes: Unter den Arkaden der Piata Mica gibt es mehrere Läden, z.B. ein schönes Antiquitätengeschäft (Nr. 23).

 

Und: Leseratten können sich in der Buchhandlung am Großen Markt (vor dem Eingang zur Fußgängerzone) eindecken – ich war überrascht, wie viele deutschsprachige Titel die Buchhandlung hat. Zum Beispiel von Eginald Schlattner - der auch in Deutschland bekannte Autor stammt aus Hermannstadt.

 

infoAllgemeine Infos: www.sibiu.ro (auch auf deutsch, guter Stadtplan!) 

 


Ausflugstipp:

 

Das Dörfchen Sibiel, 23 km von Sibiu entfernt, hat sich als Tourismus-Dorf herausgeputzt: Rund 40 Häuser wurden zu preiswerten Privatpensionen umgestaltet, und die Hausfrau bekocht die Gäste mit Hausmannskost. Ein Bach fließt durch das von Wald umgebene Dorf, dessen Hauptattraktion ein Museum mit auf Glas gemalten Ikonen ist – das größte seiner Art in Europa.

 

Aktivitäten: Wanderungen in der Umgebung, Besuche beim Senner, Reiten, Pferdewagenfahrten, Kühe melken, Brot backen etc. Dorfleben hautnah. Viele Veranstalter fahren ihre Rundreise-Teilnehmer zumindest zum zünftigen Mittagessen nach Sibiel.

 

infoInfo: Einen Eindruck vermitteln die Fotos auf www.eurotur.ro/sibiel.html