Sighisoara (Schäßburg)



Die SchülertreppeUuups, bin ich ins Mittelalter gebeamt worden? Wehrtürme, Kirchtürme, Arkadengänge, Gassen mit Kopfsteinpflaster, hübsche Häuschen: Eine putzige Puppenstube thront auf einem Burgberg, umgeben von einer zu 90 Prozent erhaltenen Wehranlage aus dem 12./13. Jh.

 

Das vollständig erhaltene Burgensemble, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, ist aber kein lebloses Open-Air-Museum, sondern eine lebendige Burganlage: Die 140 Häuser (Gotik, Renaissance, Barock) sind allesamt bewohnt. Ein liebenswertes Städtchen mit viel Geschichte, viel Flair und vielen originellen preiswerten Pensionen in der Burganlage!

 

Für die Besichtigung lässt man das Auto in der Unterstadt und schnauft die Schülertreppe hoch in die „cetate“, wie die Rumänen ihre Burg nennen.

 

 

Sightseeing:

 

Der Marktplatz:

Hier pocht das Herz des historischen Stadtkerns. Ein ganz kleiner Platz, gesäumt von farbenfrohen Häusern. Wir sitzen abends in einem der Straßen-Cafés und wundern uns über den Menschenauflauf - bis wir merken, dass ein Blasorchester aus Thüringen seine Instrumente auspackt und den Platz mit fröhlichem Umpf-Ta-Ta und deutschen Liedern füllt.

 

Das Eckhaus mit dem Hirschgeweih, das „casa cu cerb“ (Haus mit Hirsch, Strada Scolii Nr. 1), ist ein aufwändig saniertes mittelalterliches Händlerhaus, in dem heute eine schöne Pension untergebracht ist. Es hat seinen Namen von dem lebensgroßen Hirschen, der auf der weißen Fassade aufgemalt ist, und dessen Kopf samt Hörnern auf die Hausfront aufmontiert ist. Das erste Holzhaus stand im 13. Jh. an dieser Stelle, das Haus in seiner jetzigen Form datiert aus dem 17. Jh. Es ist eines der ältesten Gebäude der Burganlage.

 

Dracula-Haus:

Schäßburg bekennt sich zum Dracula-Mythos, denn Fürst Vlad II. Dracul, der Vater des als Vorbild für Bram Stokers Dracula-Roman dienenden Vlad Tepes Draculea, hat nach seiner Rückkehr vom Reichstag in Nürnberg, wo er zum Fürsten der Walachei erhoben worden war, 1431-35 in Schäßburg Asyl gefunden. Ob er allerdings in dem Haus gewohnt hat, das heute als Dracula-Haus vermarktet wird, ist fraglich. Klar dagegen ist, dass sein Sohn nicht in diesem Haus geboren worden ist, auch wenn die Tourismus-Industrie es als Draculas Geburtshaus vermarktet. In dem Haus befindet sich das hübsch eingerichtete „Restaurant Vlad Dracul“, an dessen Essen ich allerdings eine ziemlich gruselige Erinnerung habe.

 

Stundturm:

In der Wehranlage, die das historische Zentrum umgibt, sind noch neun der einst 14 Verteidigungstürme erhalten. Weil sie einst von je einer Zunft gehalten wurden, tragen sie die Namen verschiedener Zünfte (Schuhmacher-Turm, Zinngießer-Turm, Schneider-Turm, Fleischer-Turm, Weber-Turm).

Der bekannteste und schönste ist der Stundturm aus dem 14. Jh. Der Turm hat vier kleinere Türmchen (als Zeichen dafür, dass die Stadt die Blutgerichtsbarkeit besaß) und eine Uhr mit sieben Figuren, die die Wochentage symbolisieren.

 

In dem Turm befindet sich ein kleines Museum mit Exponaten zur Stadtgeschichte. Im Museum erfährt man ein spannendes Detail: Der bekannte Raumfahrtpionier Hermann Oberth ist in Hermannstadt geboren, aber in Schäßburg aufgewachsen. Oberth arbeitete mit dem berühmten Wernher von Braun in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom an der Entwicklung der V2-Rakete zusammen und wirkte bei Fritz Langs visionärem Film „Frau im Mond“ (1929) als wissenschaftlicher Berater mit. Es lohnt, vom Museum aus die Aussichtsplattform unter dem Turmdach zu besteigen – von dort eröffnet sich ein schöner Blick über die Stadt. Im Turm selbst waren früher zeitweise das Rathaus, ein Gefängnis und Folterkammern untergebracht.

 

Die Schülertreppe:

Ein überdachter Treppenaufgang aus Holz mit 175 Stufen führt von der Festung noch weiter hoch. Seit 1642 schnaufen die Schüler über diese Treppe zum Unterricht im deutschsprachigen Josef-Haltrich-Lyzeum. Neben dieser altehrwürdigen Bergschule steht die spätgotische Bergkirche (erbaut 1345). Steigt man abends die Treppe hoch, finden wenigstens schreckhafte Gemüter ein bisschen Gruselromantik. Denn von der Überdachung hängen Spinnweben, Pflanzen etc. herunter und tanzen in den Licht-Schatten-Reflexen der gelblichen Beleuchtung. Naja, für einen Dracula-Film reicht's trotzdem nicht ganz ...

 

 

Restaurant-Tipp:

Das Restaurant im Hotel Sighisoara ist zu empfehlen. Innen sitzt man in einem edlen Restaurant-Raum, im Sommer lässt man den Tag bei Wildschweinwürstchen mit Bratkartoffeln und einem kühlen Bier im Innenhof ausklingen.

 

InfoInfo: Hotel Sighisoara, Strada Scolii Nr. 4-6

(das ist die Straße hinter dem Marktplatz bzw. hinter der „casa cu cerb“)

 

Casa Cositorarului (Haus der Zinngießer): Ein sehr niedliches Café in einem alten Haus, das Teil der mittelalterlichen Schutzmauer der Burg war. Mit leckeren selbstgebackenen Kuchen, rustikal-verschnörkelter Einrichtung und einer weinumrankten Terrasse. Dass die Bedienung zur traditionellen Tracht Flipflops trägt, übersehen wir großzügig ...

 

InfoInfo: Strada Cositorarilor Nr. 9